Leichtathletik: Neun Monate mit der „Killerstelze“

Leichtathletik: Nach dem Riss der Achillessehne musste der Sindelfinger Kugelstoßer Tobias Dahm fast ein Jahr pausieren / Erster Comebackversuch im Januar in Chemnitz

Erschöpft vom Training, aber guten Mutes: Der Sindelfinger Tobias Dahm, Olympiateilnehmer 2016 in Rio de Janeiro, blickt knapp ein Jahr nach seiner Verletzung optimistisch auf die kommende Saison und freut sich aufs Kugelstoßen.

Als seine Achillessehne riss, dachte sich der Leichtathlet des VfL Sindelfingen erst nichts Schlimmes. Beim Sprinttraining verabschiedete sich die Verbindung von Fuß und Wadenmuskulatur, sonderlich schmerzhaft war das aber nicht, und so erfuhr Tobias Dahm die bittere Wahrheit erst nach einer Untersuchung im Krankenhaus.

Nach der Operation, während der die beiden Sehnenenden wieder zusammengefügt wurden, wurde Dahms Fuß mit einer großen Schiene versehen. Der Kugelstoßer taufte sein Handicap „Killerstelze“.

Erst nach neun Monaten durfte er die Schiene abnehmen, nach zwölf Wochen den Fuß wieder belasten. „Es war ein langer Prozess, bis ich heute wieder einigermaßen normal trainieren kann“, erzählt Dahm. Die Gelenke im Fuß waren verklebt, die Beweglichkeit dadurch eingeschränkt, das Knie ließ sich nicht einmal über die Fußspitze beugen. „Ich musste das Killergen unterdrücken, im Training voll draufzugehen, das war vielleicht am schwersten. Ich habe es vermisst, mich richtig anzustrengen und ans Limit zu gehen.“

Zwar kam das Training nicht zu kurz, in den ersten Monaten spielten aber Reha-Maßnahmen die Hauptrolle. Den Leichtathletikzirkus im WM-Jahr 2017 versuchte der 30-Jährige weitestgehend auszublenden. „Es war keine einfache Situation. Ich bin auf einmal im Nirgendwo verschwunden, aber ich habe versucht das auszublenden und auf mich zu schauen.“

Das ist noch immer die Maxime von Tobias Dahm. Im Training fallen manche Belastungen schwer, der Kugelstoßer kann nicht wie gewohnt trainieren: „Es fühlt sich einfach noch nicht wie früher an, gerade im schnellkräftigen Bereich. Die Reaktivität ist noch nicht ganz da. Es fehlen die letzten Prozent.“ Genau die will Dahm in den kommenden Wochen heraus kitzeln. Schließlich hat der Sportler eine Hallensaison eingeplant und will beim Comeback im Kugelstoßring gute Leistungen zeigen. Bisher ist ein Einstieg im Januar geplant. Entweder bei den offenen Landesmeisterschaften in Chemnitz oder beim Hallenmeeting im heimischen Glaspalast. Wie es dann weitergeht, entscheidet sich nach den ersten Ergebnissen.
„Wenn es nicht läuft, werde ich die Saison schnell wieder beenden und mich auf Berlin vorbereiten“, sagt Dahm. Er hat die Verletzungspause genutzt und intensiv an der Technik gearbeitet, um Fehler auszumerzen, weiß aber nicht wie das Stoßen im Wettkampf klappt. „Ich bin gerade erst im Aufbau und kann die Wettkampfbelastung noch nicht einschätzen“, sagt er. Besonders freut er sich über die gewachsene Konkurrenz im VfL Sindelfingen durch Simon Bayer . „Es ist gut, wenn aus dem eigenen Lager Druck kommt.“
Trotz der schweren Zeit mit Verletzung und Reha-Training und der mehr als einjährigen Wettkampfabstinenz, Tobias Dahm hat seinen Kampfgeist nicht verloren. „Ich bin noch nicht satt. Es steckt noch mehr in mir. Ich habe einfach das Gefühl, das Maximum noch nicht erreicht zu haben. Erst dann kann ich aufhören.“ Natürlich ist sich der Sindelfinger bewusst, dass es gerade in den ersten Wettkämpfen schwer wird die Leistung abzurufen, die ihm im Olympiajahr mehrere 20-Meter-Stöße beschert hatte. „Aber ich habe ein Ziel vor Augen: Das Finale bei den Europameisterschaften in Berlin, und alles andere ist nur der Weg dorthin.“

Zur Person

Tobias Dahm wurde am 23. Mai 1987 geboren und startete seine Leichtathletik-Karriere als Mehrkämpfer, ehe er zum Kugelstoßen wechselte. Dahm, der für den VfL Sindelfingen startet, nahm 2016 an den Hallenweltmeisterschaften im Portland (Oregon) und an den Olympischen Spielen 2016 Rio de Janeiro teil. Seine Bestweite im Freien sind 20,56 Meter.

SZ/BZ-Mitarbeiterin Saskia Drechsel war lange als Mehrkämpferin und Speerwerferin aktiv. Aktuell startet sie als Kletterin in der Boulder-Bundesliga.

Tobias Dahm will zurück in die internationale Spitze. Bild: Drechsel