Leichtathletik: Die beiden Weltrekordler vom Glaspalast

Leichtathletik: Der VfL Sindelfingen richtete in dem Sport-Tempel viele Top-Veranstaltungen aus / SZ/BZ-Serie über die Geschichte der VfL-Leichtathleten (Folge 4)

Im Jahr 1920 – der Erste Weltkrieg ist vorbei – erfährt auch der Sport einen Neuanfang. Einige beherzte junge Männer der „Freien Turnerschaft“ gründen in Sindelfingen eine Leichtathletik-Abteilung, aus der sich mit den Jahren eine Leichtathletikhochburg in Baden-Württemberg entwickelt. In der vierten Folge geht es um die vielen Veranstaltungen und Meisterschaften, die die Blau-Weißen ausgerichtet haben.

Die Veranstaltungen im Glaspalast sind es, von denen sich die Sindelfinger Leichtathleten auch nach Jahren noch immer mit leuchtenden Augen erzählen. Seien es die zahllosen Deutschen Meisterschaften, die unter dem Hallendach aus Glas stattfanden, die IHS Indoor Meetings oder die Hallen-Europameisterschaften von 1980. Der Bau einer Großsporthalle in Sindelfingen war ein Meilenstein in der Geschichte der Leichtathletikabteilung. Mit den Baden-Württembergischen Meisterschaften der Aktiven wurde der Glaspalast im Jahr 1977 eingeweiht, die Generalprobe für die Deutschen Meisterschaften nur zwei Wochen später. Die optimalen Trainingsbedingungen brachten für die VfL-Athleten einen Motivations- und Leistungsschub, das Schmuckstück Glaspalast etablierte sich zunehmend als Austragungsort für hochkarätige Veranstaltungen. „Zu dieser Zeit gab es wenige andere Leichtathletikhallen, deswegen fanden fast in jedem zweiten Jahr die Deutschen Meisterschaften in Sindelfingen statt“, erinnert sich Herbert Bohr. Bohr war es auch, der sich als die Halle gebaut worden war fragte: „Was macht man nun damit, außer Meisterschaften zu veranstalten?“ Schnell war die Idee geboren, eine internationale Hallenveranstaltung, das IHS ins Leben zu rufen. Eine besondere Aufgabe hatten die Sindelfinger im Jahr 1978 zu bewältigen. Innerhalb von wenigen Tagen fanden gleich zwei Deutsche Meisterschaften im Glaspalast statt. Zuerst die der Aktiven, dann die der Jugendlichen. „Wir haben einfach die Wettkampfanlagen stehen gelassen und die Veranstaltungen durchgeführt, wir waren ja ein eingespieltes Team“, erzählt Dieter Locher. Er ist seit der Eröffnung des Glaspalasts dabei gewesen, „bis auf einmal, da wollte ich mit meiner Frau zum Skifahren“, grinst Locher.

 

Hallen-EM vor 40 Jahren

 

Schon im Jahr 1979 startete dann das erste Internationale Hallen-Sportfest IHS mit Herbert Bohr als Meetingdirektor und einem Etat von 40.000 DM. „Wir haben damals noch Startgelder verlangt, außer von den geladenen Gästen natürlich“, erinnert sich Bohr. Nur ein Jahr später erhielt der Glaspalast als Austragungsort für die Hallen-Europameisterschaften 1980 den Zuschlag. Im 1500-Meter-Finale der Männer gab es durch Thomas Wessinghage einen umjubelten deutschen Sieger.

 

Das IHS Indoor Meeting etablierte sich schnell und gelangte bald zu Weltruf. „Der Durchbruch war der erste Weltrekord von Thomas Schönlebe. Dieser lief 1987 bei den Weltmeisterschaften in Rom zum Weltmeistertitel und stellte mit 44,33 Sekunden einen Europarekord auf, der noch immer Bestand hat. Beim IHS im Glaspalast sprintete er ein Jahr später zum Hallenweltrekord. „Es war mein erster Weltrekord als Meetingdirektor. Das war für mich sehr emotional“, so Herbert Bohr. Auch Thomas Schönlebe erinnert sich noch gerne an den Hallenweltrekord von 45,05 Sekunden, der jetzt immerhin noch Europarekord ist. „Das war mein schönstes Hallenerlebnis.“ Im Jahr 1988 war das IHS zum ersten Mal ausverkauft, auch weil der kanadische Sprintweltmeister Ben Johnson den Weg nach Sindelfingen fand. Seit seinem Fabellauf bei der Weltmeisterschaft 1987 in Rom, wo Johnson die 100-Meter-Weltrekordmarke auf 9,83 Sekunden drückte, gehörte er, neben Carl Lewis und Edwin Moses, zu den Größten in der Leichtathletik. Auch die heimischen Athleten mischten beim IHS kräftig mit, allen voran Ulrike Sárvári . Beim IHS 1988 verbesserte sie im Vorlauf mit 7,18 – im Zwischenlauf mit 7,15 und im Endlauf mit 7,13 drei Mal den deutschen 60-Meter-Rekord (7,21) der Olympiasiegerin Annegret Richter. „Nach diesem Wahnsinns-Wettkampf hat sie mich gefragt, ob ich jetzt endlich zufrieden bin“, erzählt Bohr lachend.

 

Einen weiteren Weltstar, der im Glaspalast sein Wettkampfglück versuchte, hatte auch der akribische Meetingdirektor Herbert Bohr nicht auf der Rechnung: Er hatte den Stabhochspringer Władysław Kozakiewicz, Olympiasieger von 1980 verpflichtet, kurz vor der Athletenvorstellung wurde Bohr zugetragen, Sergej Bubka, bis zum Ende seiner Laufbahn steigerte er den Weltrekord 35 Mal, stehe draußen vor der Halle und würde gerne Stabhochspringen. Folgendes war passiert: „Bubka hatte vor am Sonntag in Stuttgart zu starten, war deswegen schon angereist und wollte trainieren. Das ging aber in der Schleyerhalle nicht, deswegen ist er kurzerhand nach Sindelfingen gefahren und da stand er“, erzählt Bohr. „So günstig konnte man noch nie einen Weltklasseathleten verpflichten, wenige Minuten später habe ich ihn in der Halle vorgestellt“, freut er sich immer noch über seinen Coup beim IHS 1990. Colin Jackson brachte vier Jahre später ein großes Stück Geschichte in den Glaspalast. 1994 lief er mit einem perfekten Lauf in 7,30 Sekunden über 60 Meter Hürden ins Ziel. „Ein Weltrekord für die Ewigkeit“, wurde damals getitelt und 26 Jahre danach ist dieser Weltrekord unangetastet.

Bild: LA Hallen Europameisterschaften in Sindelfingen 01.03.1980 Thomas Wessinghage Aktion vor Eberhard Helm 1500 m Lauf © HORSTMÜLLER GmbH, Postfach 103862, 40029 D-dorf, Tel. 0211/ 359220, ISDN : 0211/ 9357404 Pbk. Kln. Kto.126135-503, BLZ 37010050 , copyright nur fuer journalistische Zwecke ! No model release ! Honorar plus 7% MwSt.

Quelle: SZ/BZ-Online