Leichtathletik: Der Meistermacher vom Floschenstadion

Leichtathletik: Werner Späth hat viele Sprinterinnen und Hürdenläuferinnen zu den Olympischen Spielen gebracht / Nach Carolina Krafzik und Lisa Sophie Hartmann soll Schluss sein

Er hat Olympiateilnehmerinnen geformt und konnte zuletzt mit gleich zwei Athletinnen eine Medaille bei Deutschen Meisterschaften feiern: Werner Späth ist seit 55 Jahren Trainer mit Leib und Seele. Seine zeitintensive Nebenbeschäftigung will er aber auch mit inzwischen 76 Jahren nicht missen.

In Braunschweig war es wieder einmal soweit. Werner Späth konnte den Deutschen Meistertitel seines Schützlings Carolina Krafzik feiern und die Bronzemedaille von Lisa Sophie Hartmann gleich hinterher. In einem Leichtathletikjahr, in dem alles anders war als sonst, blieb der nationale Erfolg eine der wenigen Konstanten.

 

Keine Einheit ausgefallen

 

„So eine Saison habe ich in all den Jahren nicht erlebt. Man trainiert und weiß gar nicht wofür. Wir waren viele Wochen ohne Trainingsstätte, aber keine Einheit ist ausgefallen“, sagt Späth.

 

Als zumindest eine Verschiebung der Deutschen Meisterschaften auf den August möglich erschien, wurde schnell die Planung dahingehend umgestellt. Beide Athletinnen waren zum Saisonhöhepunkt fit, ein Kunststück, das dem Sindelfinger Trainer schon oft gelungen ist. „Bei Caro mussten wir nur noch an Feinheiten arbeiten, bei Lisa gab es deutlich dickere Bretter zu bohren, aber es hat geklappt. Allerdings ist bei beiden technisch noch einiges drin.“

 

Wieder einmal zwei Sportlerinnen, die Werner Späth langfristig entwickeln möchte. Angefangen hat alles in den sechziger Jahren mit Elfgard Schittenhelm, Späths erster Olympionikin. Jahrelang konzentrierte sich der Trainer auf den Sprint, baute in Sindelfingen an einer Sprinthochburg und begleitet 1968 gleich zwei Athletinnen der Blau-Weißen als Sprint-Bundestrainer der Frauen zu den Olympischen Spielen Seoul. Doch das Trainergeschäft war nie Späths finanzielles Standbein. Früh am Morgen begann er im Rahmen seiner Vollzeitstelle bei Hewlett Packard zu arbeiten, um am Abend seine Schützlinge betreuen zu können. Die Urlaube gingen für Trainingslager, Wettkämpfe und internationale Meisterschaften drauf. „Heute als Rentner weiß ich nicht mehr, wie ich das zeitlich geschafft habe, aber es ging. Einmal gab es zwei Wochen Sonderurlaub zu den Olympischen Spielen“, erinnert sich Werner Späth. „Ich wollte mich aber nie abhängig von der Leistung eines Athleten machen und Vollzeit-Trainer werden.“ Mit Birgit Hamann, damals unter dem Namen Wolf erfolgreich, wurde aus dem Sprint-Trainer Späth dann ein Hürdenexperte, zuerst über die Kurzhürden, spätestens mit Stephanie Kampf auch über die 400-Meter-Hürdenstrecke. „Beides sind anspruchsvolle Disziplinen, bei den Kurzhürden zählen technische Feinheiten, über die Langhürden spielt die Rhythmisierung eine große Rolle. Wann laufe ich 15, wann 16 oder 17 Schritte zwischen den Hürden, das macht es interessant“, sagt Späth.

 

Viele seiner Athletinnen wechselten zwischen den Hürdenstrecken. „Birgit kam damals als 400-Meter-Hürdenläuferin zu mir, hatte aber immer auf den letzten Metern Probleme. Carolina wäre sicher auch über die Kurzhürde gute Zeiten gelaufen, aber ihr Schritt passt nicht zwischen die engen Hürdenabstände, die Langhürden liegen ihr mehr“, weiß der Sindelfinger. Bei vielen seiner Trainerkollegen ging Späth in die Lehre, eignete sich über die Jahre immer neues Wissen an.

 

„Ich habe viel von Roland Kromer gelernt, dem Langhürdenpapst und all die Jahre den Austausch mit den Bundestrainern gesucht und getüftelt. Man muss schließlich immer auf dem neusten Stand bleiben“, sagt Späth. Der Erfolg gab ihm Recht. Im Rückblick kann Späth beobachten, wie er die Gestaltung der Trainingseinheiten an die neuesten Erkenntnisse und die physischen Voraussetzungen seiner Athletinnen angepasst hat. „Heute trainieren wir intensiver, aber mit weniger Umfang in sechs Trainingseinheiten mit je zweieinhalb Stunden. Früher waren es acht Einheiten. Die Athletinnen waren belastbarer, heute sind viele parallel berufstätig.“

 

34 Serpentinen zum Überlegen

 

Neun Jahre ist es her, dass der Sindelfinger seinen Trainerjob eigentlich an den Nagel hängen wollte. 2011 plante er sich nach dem Karriereende von Ina Baumann in den wohlverdienten Trainerruhestand zu verabschieden und keinen Spitzenathleten mehr zu betreuen. Dann klingelte mitten im Anstieg der Silvretta Hochalpenstraße, Späth saß auf dem Rennrad, das Telefon. „Bundestrainer Rüdiger Harksen hat angerufen und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, das Training von Nadine Hildebrand zu übernehmen. Ich bin dann noch 34 Serpentinen hochgefahren und hatte Zeit, mir das Ganze zu überlegen“, erzählt Werner Späth lachend.

 

Die nächste Athletin auf dem Weg zu den Olympischen Spielen zu begleiten, reizte den erfahrenen Trainer. „Ich bereue es nicht, die Zeit hat mir viel Spaß gemacht. Auch als Nadine 2012 die Qualifikation knapp verpasst hat, dann haben wir es eben 2016 versucht. Sonst wäre ich vielleicht gealtert.“

 

Doch auch nach Hildebrands erfolgreicher Olympiateilnahme 2016 und dem Karriereende wurde es nichts mit Späths Ruhestand. Mit Carolina Krafzik befand sich schon das nächste Talent in der Trainingsgruppe, das es zu entwickeln galt. 2018 stieß auch Lisa Sophie Hartmann dazu. „Ihre Mutter Margit Grötzinger hat früher bei mir trainiert und als ich ihre Tochter über die Hürden gesehen habe, hab ich gesagt ´schick sie zu mir ins Hürdentraining´.“ Im kommenden Jahr will sich Werner Späth nun an seinem siebten Streich versuchen. Carolina Krafzik möchte sich für die Olympischen Spiele in Tokio qualifizieren.

 

„Derzeit liegt sie in der Weltrangliste auf Platz 36 und die ersten vierzig sind dabei. Es kann aber schnell gehen, dass andere vorbeiziehen, deswegen sollte sie einfach die geforderten 55,40 Sekunden laufen“, sagt der Erfolgstrainer.

 

Auch Lisa Sophie Hartmann hat bei der U23-EM in Bergen gute Chancen auf einen internationalen Startplatz. „Wir planen immer von Jahr zu Jahr. Ich habe mir fest vorgenommen, mit keinem Athleten neu anzufangen, das kann pro Athlet schon acht bis zehn Jahre dauern aber die beiden kann ich nicht alleine lassen und der Trainerjob hält mich jung“, sagt Späth.