Leichtathletik: „Das ist ja fast schon Hollywood“

Quelle: SZ-BZ Online

„Das ist der Oberhammer“, sagt ein überglücklicher und völlig erschöpfter Niko Kappel um 3 Uhr nach der Rückkehr ins olympische Dorf in Rio de Janeiro gegenüber der SZ/BZ. Kurz zuvor hat der Sindelfinger Kugelstoßer mit seinem 13,57-Meter-Stoß die Goldmedaille bei den Paralympics geholt.

Kappel liegt am Ende einen winzigen Zentimeter vor dem haushohen Favoriten, Bartosz Tyszkowski, aus Polen.

Damit kommt ein Sportler ganz groß raus, den alle liebevoll „Bonsai“ nennen. Ein Spitzname, den der 1,40-Meter-Mann gerne hört. Weil er passt, denn ein Bonsai strotzt als kleiner Baum vor Kraft. Und weil es hilft, „mit einem Lachen durchs Leben zu gehen“, wie Niko Kappel sagt. „Eine Medaille war das Ziel, ganz klar, aber mit Gold hätte wohl keiner gerechnet. Das ist absoluter Wahnsinn, unfassbar“, sagt Kappel,

der seine bisherige Bestleistung in Rio um satte 34 Zentimeter übertrifft. „Ich kann es noch gar nicht fassen, muss jetzt erst mal runterkommen.“

In Sindelfingen überschlagen sich derweil die Reaktionen. „Wie geil ist das denn? Junge ich bin so mega stolz auf dich!“, kommentiert gleich mal einer auf Facebook, der die Leistung des Sindelfingers wie kein anderer einschätzen kann: Kugelstoßer Tobias Dahm, vor wenigen Wochen bei den Olympischen Spielen im selben Stadion auf der gleichen Anlage im Ring, Trainingspartner beim VfL Sindelfingen unter Coach Peter Salzer und mehr als nur ein Sportskamerad.

Zwei Stunden vor dem Wettkampf hatte Tobias Dahm seinen Kumpel noch mal angerufen und ihm gesagt, dass er nur abrufen muss, was er drauf hat. „Er wollte zum Beispiel wissen, wie er mit dem Thema Nerven umgehen soll. Ich sagte, er soll sich auf seine Technik verlassen. Und wenn der erste Stoß nicht hinhaut, soll er einfach ruhig bleiben. Erst wenn ein Stoß sitzt, geht es ans Experimentieren“, verrät Tobias Dahm.

Seine Erfahrung hatte der 2,03-Meter-Hüne schon mehrfach an den 21-Jährigen weitergegeben. Beim gemeinsamen vorolympischen Trainingslager mit David Storl und Christina Schwanitz zum Beispiel. Oder ganz intensiv zwischen Olympia und den Paralympics. „Von der Ernährung bis zum Trainingstipp wollte er schon immer alles Mögliche wissen. Als ich aus Rio zurück war, wurden es auch andere Themen. Wie ist der Ring im Stadion, wie draußen beim Anstoßen? Wie sind die Wege? Alles Mögliche eben.“

Während die Wettkampfanlage für den Geschmack von Tobias Dahm „einen Ticken zu glatt ist“, kommt Niko Kappel mit der „etwas rauen Oberfläche hervorragend zurecht“. Mit dem polnischen Weltmeister der kleinwüchsigen Kugelstoßer, Bartosz Tyszkowski, liefert er sich einen Krimi. Mit seinen 13,57 Metern ist Kappel einen Zentimeter besser als der Mann, den der Goldmedaillen-Gewinner vorher als „Übermensch“ bezeichnete.

Der VfL-Leichtathletik-Abteilungsleiter Markus Graßmann fällt fast aus dem Bett, als er die SMS von seinem Finanzreferenten Jörg Niethammer liest. Wegen eines Termins in Nordrhein-Westfalen kann er den Wettkampf nicht live verfolgen, die ersten Bilder sieht er im Morgenmagazin: „Wahnsinn. Das ist der größte sportliche Einzelerfolg eines Sindelfinger Leichtathleten. Einen Einzeltitel bei einem internationalen Wettbewerb dieser Größenordnung hatten wir noch nie. Das ist die Krönung einer sensationellen Saison, bei der wir Leichtathleten mit Tobias Dahm und Nadine Hildebrand schon zwei Athleten bei den Olympischen Spielen hatten.“ Und dann noch mit diesem Finale. Markus Graßmann: „Ein Zentimeter, das ist ja fast schon Hollywood.“

Als Niko Kappel zum Goldstoß ausholt, sitzt Martin Wintermantel voll konzentriert vor dem Fernseher. Der Abteilungsleiter für Behinderten- und Rehasport beim VfL Sindelfingen ist aus dem Häuschen: „Das ist etwas ganz Großes.“ Die sportliche Leistung des Kugelstoßers kann er kaum hoch genug hängen. Und er erhofft sich dadurch einen Schub für seine Abteilung – auch wenn Kappel dort gar nicht eingegliedert ist, sondern bei den VfL-Leichtathleten trainiert. „Durch solche Erfolge kommt man besser ins Bewusstsein der Menschen“, sagt der 38-Jährige, der seit einem Autounfall 2007 querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt.

Bis dahin sei es ihm gegangen wie den meisten anderen auch: „Für die Paralympische Spiele habe ich mich nicht interessiert.“ Dabei sei schon auffällig, dass die Berichterstattung größer geworden ist, was sehr wichtig für die Akzeptanz der Sportler sein könnte. Inwieweit Kappels großer Stoß der Abteilung finanziell nutzen könnte, soll sich noch zeigen: „Ich bin erst seit dem 1. April im Amt und kenne da noch nicht alle Wege. Aber irgendwelche Möglichkeiten könnten sich schon auftun“, sagt Martin Wintermantel, der am heutigen Samstag wieder gespannt in den Fernseher schauen wird, wenn VfL-Bogenschütze Uwe Herter ins Geschehen eingreift.

Info

Heute um 20 Uhr geht der Sindelfinger Uwe Herter bei den Paralympics im Bogenschießen an den Start.

Niko Kappel springt aufs Treppchen. Sein Sieg gegen den polnischen Weltmeister Bartosz Tyszkowski (links) kommt einer Sensation gleich. Dritter wurde der Chinese Zhiwei Xia. Bild: dpa