Hauptverein/ Kindersportschule: Starkes Fundament für das ganze Leben

Kindersport: Einblicke in die Kindersportschule des VfL Sindelfingen, die 400 Kinder fit für ihre Zukunft macht / Welche Werte der Sport vermittelt – Folge 9: Nachhaltigkeit

Benjamin Wunsch vermisst seine Kinder. Und das sind mit um die 400 ganz schön viele. Der Leiter der Kindersportschule des VfL Sindelfingen bringt sie mit seinem Team auf Touren – in der Hoffnung, dass sie ein Leben lang Sport treiben. Folge 9 der Artikelreihe um die Werte des Sports dreht sich ums Thema Nachhaltigkeit.

Zum Glück ist Emil wieder da. Nicht so wie sonst, wenn er sich mit in den Sitzkreis setzt um die Kinder zu begrüßen, danach vom Rand aus zuzuschauen und am Ende abzuklatschen. Aber irgendwie ähnlich. Das tut saumäßig gut in Zeiten, in denen die Sporthallen geschlossen und die Sportkameraden weit weg sind. Zum Glück geht Benjamin Wunsch jetzt live auf Sendung, und Emil winkt den Kindern zu.

Emil ist der Kuschelbär, der normalerweise den Übungsstunden einen Rahmen gibt. Ein vertrautes Gesicht, immer freundlich und immer motivierend. Doch was ist in diesen Zeiten schon normal? Statt Bewegungslandschaften aufzubauen und die Kleinen über Wassergräben springen und Burgzinnen erobern zu lassen, turnt Benjamin Wunsch ziemlich einsam vor der Kamera vor. Und so richtige Sportarten zu vermitteln, wie er es sonst bei den Älteren macht, geht auch nicht. Zuhause im Wohnzimmer oder wo auch immer machen es ihm die Kinder bis nach.

Typische Online-Sportkurse wie sie derzeit aus allen Kanälen schießen? Das kann man wirklich nicht sagen. Denn zumindest bei den Kleineren arbeitet der 32-Jährige ähnlich wie sonst auch. Nämlich viel mit Bildern, was man buchstäblich nehmen kann. Während es in den Sporthallen beim Thema Bauernhof darum geht, vom Traktor zum Schaf zu rennen, hat er den Eltern der Kinder den Traktor und das Schaf als Bild gemailt. Zum Ausdrucken. Schwarz-weiß, damit sie es zuerst ausmalen und dann aufhängen können. Dann flitzt der Nachwuchs eben zuhause zum Schaf, das der Papa vielleicht über der Eckbank aufgehängt hat.

Manche Katze watschelt eben

Sogar die Kommunikation funktioniert, zumindest mit denen, die am Rechner die Kamera eingeschaltet haben und bei der Videokonferenz live auf Sendung gehen. Benjamin Wunsch kann dann sogar korrigieren und eingreifen, wenn er vorschlägt, dass jetzt alle wie eine Katze durch die Stube tigern, und daraus dann doch vielleicht watschelnde Enten oder stampfende Elefanten werden. Der Beamer an der Wand in der VfL-Sportwelt ist groß genug um Fehltritte sichtbar zu machen. Wobei es Fehltritte eigentlich nicht gibt. Denn jeder Schritt, sei er noch so krumm, führt in die richtige Richtung und bringt Lernerfolge.

So ist das in der Kindersportschule, in der Benjamin Wunsch mit den Sportlehrern, Übungsleitern und Studenten das neunköpfige Team bildet, das möglichst breite Grundlagen legt. Das Konzept fußt auf dem Rahmenplan des Schwäbischen Turnerbunds, der eben nicht nur möglichst viele Turner rekrutieren möchte, sondern Sportler aller Arten. „Ziel ist, dass jedes Kind etwas findet, wodurch es ein Leben lang Sport treibt“, sagt Benjamin Wunsch. Wer will, bekommt nach Ablauf eines Schuljahres eine Empfehlung. Das muss aber nicht sein.

Wichtig ist vielmehr, dass die Ausbildung breit gefächert ist und früh beginnt. Beim VfL übrigens sogar als Babys in Bewegung, wobei es eine Gruppe von 3 bis 6 Monaten und eine von 6 bis 12 Monaten gibt, in diesem Bereich allerdings nach dem Konzept des Deutschen Turnerbunds. Benjamin Wunsch, der nach dem Sportstudium in Frankfurt den Master für Sport und Bewegung im Kindes- und Jugendalter in Karlsruhe draufsattelte, hat sich dafür vom Deutschen Turnerbund schulen lassen.

Die Breite in den Kursen mit allen Leistungsfaktoren wie Kraft und Koordination, Schnelligkeit oder Ausdauer soll später bis zum Spitzensportler jedem helfen, vor Verletzungen schützen und Lernerfolge schneller ermöglichen. So wird der Eiskunstläufer davon profitieren, dass er in frühen Jahren über Brücken balancierte um nicht von Krokodilen gefressen zu werden. Und mit etwas mehr Beweglichkeit, wird sich der Kicker bei der Grätsche oder dem Fallrückzieher nicht verletzen, dafür den hüfthohen Ball besser verarbeiten.

Soziale Kompetenzen

Benjamin Wunsch bringt all das auf einen Nenner: „Je breiter ich aufgestellt bin, desto besser sind die Voraussetzungen etwas Neues zu nennen.“ Das wiederum gilt nicht nur fürs sportliche Leben, sondern für alle anderen Bereiche, die den Menschen begleiten. Gleiches könnte man auf soziale Kompetenzen übertragen. Wer früh lernt, pünktlich und regelmäßig zum Training zu kommen, den Kameraden zu unterstützen und zu motivieren und sich selbst zu fördern und zu fordern, wird sich dabei vielleicht auch im privaten und beruflichen Leben leichter tun.

All das sind gute Argumente dafür, der Kindersportschule auch dann treu zu bleiben, wenn die Sporthallen geschlossen sind. Über 70 Eltern haben letzten Donnerstag live eingeschaltet. Wie viele die Sportstunde hinterher nachgeholt haben, kann Benjamin Wunsch nicht überprüfen, doch für die Mitglieder stehen die Videos dauerhaft zur Verfügung. Am Donnerstag geht es in die nächste Runde, und auch dann ist Emil wieder mit dabei. Rituale sind wichtig, um Halt zu finden. In diesen Zeiten vielleicht sogar ein bisschen mehr als sonst.

Bild: Benjamin Wunsch und Plüschbär Emil begrüßen die Kinder der Kindersportschule des VfL Sindelfingen. Dann geht es los.Bild: z

Quelle: SZ/BZ-Online