Handball: Wehmut, Pathos und der Blick nach vorn

Die Ex-Auswahlspielerinnen Württembergs mit reichlich Sindelfinger Kolorit malen an einem wunderbaren WM-Abend rosarote Bilder – und dann platzt der Traum.

Tränen lügen nicht, Dänen kennen keine Gnade. Aus der Traum, Deutschland ist raus aus der Heim-WM. Das 17:21 im Achtelfinale liegt Hans Artschwager noch immer im Magen: „Im Moment ist das eine Katastrophe“, sagt der Präsident des Württembergischen Handballverbands (HVW).

So schnell kann sich das Blatt wenden, denn gleichzeitig wirkt einer der schönsten Abende der Weltmeisterschaft immer noch nach. Zum Abschluss der Vorrunde hat der HVW zum Stelldichein der Ehemaligen ins Kronenzentrum nach Bietigheim-Bissingen geladen. Hans Artschwager ist als Gastgeber aus dem Häuschen, die Resonanz der früheren Auswahlspieler überwältigend. Über 100 Frauen fallen sich im Foyer in die Arme, lassen alte Zeiten hochleben.

„Ich suche ja irgendwann eine Nachfolgerin. Bewerbungen werden ab Montag entgegengenommen“, sagt der HVW-Präsident. Das tut er zwar launig, weil er seit dem Verbandstag mindestens bis 2020 das Ja-Wort gegeben hat und es immer ein bisschen mehr sein darf. Aber so ganz im luftleeren Raum stehen die Worte nicht. Denn eins ist klar: Der Frauenhandball tut gut daran, sich immer wieder neu zu erfinden. Vielleicht sogar ganz besonders dringend, nachdem das Flaggschiff in heimischen Gewässern nie wirklich Fahrt aufgenommen hat, dann ins Schlingern geriet und früh unterging. Dazu kommt: „2020 ist bald da. Und es ist wichtig, dass Gremien nicht erneut lang- und mittelfristig mit alten Männern besetzt werden. Der Frauenhandball braucht Frauen in Funktionen“, sagt Hans Artschwager. Diese Frauen gelte es, rechtzeitig anzusprechen, zu gewinnen und dann an ihre neuen Aufgaben hinzuführen.

Ilka Korn, die beim HVW für den Frauenausschuss spricht, ist großer Hoffnung, diese Mannschaft in den eigenen Reihen zu finden. Bei der Online-Umfrage hatten 24 Ehemalige Auswahlspielerinnen signalisiert, dem Verband in irgendeiner Form etwas zurückzugeben. „Sei es, um Grundschulturniere auszurichten, Mädchencamps zu organisieren oder Nachwuchstrainer zu coachen“, sagt Ilka Korn. 9 Frauen haben sogar in Aussicht gestellt, innerhalb eines Verbands-Ausschusses mitzuarbeiten.

Einschlägiges Fachwissen wäre jedenfalls massenhaft vorhanden. Ein einziges Hallo ist es im Kronenzentrum, in dem die von der Anreise staugeplagten Spielerinnen eintröpfeln. Und dabei sind naturgemäß die Sindelfinger Farben stark vertreten. Silvia Schmitt, in den 80er Jahren VfL-Tormaschine im Bundesliga-Rückraum und mit 245 Länderspielen auf dem Revers, setzt sich daheim in Sandhausen hinters Steuer, hält nur kurz zum Brunchen in Heilbronn und fällt dann ihrem langjährigen Wegbegleiter Ekke Hoffmann in die Arme. Ob im Verein oder für Deutschland: Die beiden haben gemeinsam starke Zeiten erlebt. Kaum lösen sie sich voneinander, ist auch gleich die halbe Truppe von damals beisammen. Astrid Flaig und Claudia Klopfer, Michaela Baumgartl – die damals Traub hieß – und Andrea Petra, früher Böllinger, sammeln sich gleich zu einer Art Jubeltraube. „Das ist eigentlich immer so“, berichtet Astrid Flaig vom regelmäßigen Ehemaligentreffen.

Sport verbindet. Vor allem der Mannschaftssport. Auch die beiden Schwestern Heinke und Helgard Brantsch folgen der Einladung gern. „Das war schon eine unheimlich intensive Zeit“, sagt Heinke Brantsch, die in der Jugend zigmal für Württemberg Tore erzielte. Ihre Schwester Helgard wirbelte später auch gerne als Publikumsliebling auf der Außenposition durch die Bundesliga und meint: „Das war schon richtig klasse damals. Eigentlich gab es für uns nichts außer Handball.“

„Identifikation ist unheimlich wichtig: Deshalb habe ich immer versucht, mit Frauen aus der Region eine starke Mannschaft hinzubekommen“, sagt Ekke Hoffmann. Auf den ersten Blick scheint das der große Unterschied zur Sindelfinger Bundesligamannschaft aus den 2000er-Jahren. Hier fanden einige Spieler aus großer Entfernung den Weg in die Sommerhofenhalle.

Wer sich in Bietigheim aber genauer umschaut, sieht doch auch hier eine Menge schwäbisches Kolorit. Marielle Bohm, Silke Meier, Maren Baumbach, Fanziska Kölbl, Ronja Grabowski und Sevgi Öztürk bilden einen hochkarätigen Kreis aus dem Musterländle, der in Teilen sogar jetzt schon Verantwortung übernommen hat. So ist Maren Baumbach als 120-fache Nationalspielerin und Bronzegewinnerin von 1997 jetzt WM-Botschafterin, während Marielle Bohm für die weibliche DHB-Jugend trainiert.

Es ist ein Abend voller schöner Erinnerungen, mit reichlich Wehmut und Pathos. Hans Artschwager schwärmt von Bietigheim als „mit Abstand bestem Vorrunden-Spielort der WM mit tollen Zuschauerzahlen. Dazu haben wir es geschafft, zusammen mit der Stadt und der Bäder- und Hallengesellschaft einen Rahmen vorzubereiten, für den wir von allen Seiten gelobt werden.“

Nach den schönen Momenten im Kronenzentrum erleben alle zusammen auch noch den ausverkauften Kracher Schweden gegen Norwegen – bevor sie mit Deutschlands bitterer Handballstunden gegen Dänemark aus den schönen Träumen gerissen werde. Und was kommt jetzt? „Der Frauenhandball muss enger zusammenrücken. Wir brauchen neue Mädchen für unsere Sportart“, sagt Hans Artschwager – und setzt deshalb große Hoffnung auch auf die alte Garde.

Jürgen Wegner feuerte schon in den 80ern die Sindelfinger Handballfrauen in der Bundesliga auf der Tribüne gerne an. Quelle: SZ/BZ-Online