Gewichtheben: Jede Menge starke Frauen

Vereine wie der VfL Sindelfingen leben das, woran die Gesellschaft oftmals scheitert / Welche Werte der Sport vermittelt – Folge 8: Gleichberechtigung

Alle auf Augenhöhe, das Geschlecht spielt selbst bei der Punktevergabe keine Rolle, weil Gewichtheber einen Schritt weiter denken und schon lange modern bewerten. Wenn es um die Werte des Sports geht, spielt die Gleichberechtigung eine wichtige Rolle. Eine starke Sportart macht vor, wie das geht.

Fiona Dosdall fühlt sich gleich zuhause. Pudelwohl und gut aufgenommen. Die Leichtathletik hat sie hinter sich gelassen, nachdem ihr Trainer Marcel Dingler Neuland betrat. Aber der Wettkampfsport sollte ein Begleiter bleiben, am liebsten innerhalb der VfL-Familie mit seinen Abteilung. Warum also nicht Gewichtheben, wie es ihr Coach und Förderer vorschlug?

 

Man könnte aber auch fragen, warum ausgerechnet Gewichtheben? Rudolf Mang, der Bär vom Bellenberg, oder Rolf Milser, Manfred Nerlinger oder Matthias Steiner kommen manchem in den Sinn, Berge von Männern eben. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, eine Frau im Gewichtheben ist zumindest in Deutschland längst keine Sensation mehr, sondern ganz normal. Schlicht und einfach ganz normal. Deshalb fällt es Fiona Dosdall auch gar nicht so leicht, Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu finden.

 

Joana Singer geht es da nicht anders. Auch sie ist ein Kind des Leistungssports, hat früher für den RV Murgau im Sattel M-Springen und L-Dressuren gewonnen und war als Reiterin jedes Wochenende auf dem Wettkampf. Weil aber ein Pferd nicht unbedingt ein praktisches Sportgerät ist, das sich in die Tasche stecken lässt, und dieser Sport auch nicht gerade als billiges Vergnügen durchgeht, suchte auch sie eine neue Herausforderung.

 

Exoten? Ganz und gar nicht

 

Damals lebte sie noch in der Nähe von Straßburg, dort luden die Gewichtheber zum Tag der offenen Tür ein. „Es kamen viele Frauen vorbei. Um nicht zu sagen, sehr viele Frauen“, erinnert sich Joana Singer, die sich aber nicht für die klischeebehafteten Bauch-Beine-Po-Angebote interessierte, sondern schlicht und einfach diesen Sport machen wollte. „Der Trainer schaute erst einmal ziemlich komisch, aber das hat sich schnell gelegt.“

 

Über Umwege ist sie beim VfL Sindelfingen gelandet. Heute legt die 27-Jährige an der Seite von Fiona Dosdall schwere Scheiben auf. Exoten? Ganz und gar nicht. 22 Heberlizenzen gibt es aktuell in der 1964 gegründeten Abteilung, neun Frauen gehen an die Hantel. Trainiert wird gleich, und wie extrovertiert die Sportler sind, ist Typsache. Vielleicht, da sind sich die beiden Frauen nicht ganz sicher, gibt es den einen oder anderen Mann mehr, der eher dazu neigt, ein oder zwei Kilo zu viel aufzulegen und einen Fehlversuch zu riskieren.

 

Sebastian Pawlik kann es als Trainer wohl am besten beurteilen, ob und wo es Unterschiede gibt. Er sagt: „Frauen sind belastungsverträglicher“, was an der geschlechtsspezifischen Muskulatur liegen könnte. Das soll heißen: Während Männer höhere Lasten bewältigen, „packen Frauen zwei bis drei Wiederholungen, wenn sie 90 Prozent der Spitzenlast auflegen. Bei Männern wird es im Training da schon bei einer Wiederholung interessant.“ Vielleicht arbeiten die Frauen technisch etwas sauberer, aber auch das ist nur eine Beobachtung.

 

Besser als in Frankreich

 

An anderer Stelle wird Sebastian Pawlik präziser. Als Coach muss er die Mannschaften aufstellen und hat dabei die Tabellen im Blick, mit denen je nach Geschlecht und Gewicht die erbrachten Leistungen in Punkte umgerechnet werden. Hier kommen unterschiedliche Schlüssel zur Anwendung, und genau hier zeigt sich, wie weit es mit der Gleichberechtigung in dieser Sportart in Deutschland ist: „Das ist einfach klasse. In Frankreich gibt es das nicht, aber hier können Männer und Frauen in einer Mannschaft antreten“, sagt Joana Singer.

 

Für den VfL Sindelfingen bedeutet das, dass die vier besten Punktesammler mit Isabelle Kurth, Fioana Dosdall, Joana Singer und Betty Lee allesamt Frauen sind. An fünfter Stelle kommt Thomas Hofmann, auch wenn die Männer viel dickere Scheiben zur Hochstrecke bringen. Das führt zu ziemlich gemischten Teams, auch in der Oberliga-Mannschaft, wenn der VfL mit bis zu acht Hebern antritt. Vier davon absolvieren das volle Programm mit Reißen und Stoßen, ansonsten kann Sebastian Pawlik auch splitten und entscheidet aus rein fachlicher Sicht immer wieder neu. Teamsport in Reinform, es kommt dabei auf jeden an, so etwas nennt man Gleichberechtigung.

 

Apropos schwereres Gerät: Frauen legen die Gewichtscheiben auf etwas dünnere Stangen, um diese mit den Händen besser greifen zu können. Auch hier hat der VfL jüngst aufgerüstet um im sowieso mit vier Plattformen gut ausgestatteten Trainingsraum im Pfarrwiesengymnasium noch besser Möglichkeiten zu bieten.

 

Das ist gut für den Nachwuchs und wichtig für die Top-Leute. Fiona Dosdall war schon Baden-Württembergische Meisterin und hat bei Deutschen Meisterschaften teilgenommen. 87 Kilogramm beim Umsetzen und 67 Kilogramm im Reißen, Kreuzheben mit 43 Kilogramm und Kniebeugen mit 120 sprechen bei der 24-jährigen Sindelfingerin für sich. Und bei Joana Singer sind es 52 Kilogramm im Reißen und 62 im Stoßen – bei 60 Kilogramm Körpergewicht, die sich auf 1,65 Meter verteilen. Respekt, das ist gut für die Mannschaft und gut für den VfL Sindelfingen mit dem prima Klima in einer starken Abteilung.

Bild: Joana Singer in Aktion.

Quelle: SZ/BZ-Online